Um einen Blog über Amerikareisen zu eröffnen empfiehlt es sich genau dort anzufangen, wo der menschliche Fuß zum ersten Mal amerikanischen Boden berührt. In Zeiten moderner Verkehrsmittel nehme ich mir die Freiheit diesen Zeitpunkt auf das Aufsetzen des Flugzeuges und somit der indirekten Berührung amerikanischen Bodens zu legen:
Wer erinnert sich nicht an das Video der turbulenzreichen Landung am 3. März, die nach einem Anflug der Auszubildenden Pilotin mit einem Durchstartmanöver abgebrochen wurde (als kleine Erinnerungshilfe: http://www.youtube.com/watch?v=RodWwhqTE8s ). Wie sich die an Bord mitleidenden Passagiere gefühlt haben mögen? Nach einem unvergesslichen Landeanflug auf Detroit, der auf unheimliche Weise den vermeintlichen Instruktionen dieses Videos folgte, kann ich nun nach Belieben Auskunft darüber geben. Spätestens wenn ein Flugzeug 30 Sekunden vor dem Aufsetzen quer zur Fahrbahn steht ist sämtliche Ruhe verflogen. Herzklopfen und schweißnasse Hände bestimmen die herbeigesehnte Ankunft mehr als beklemmende Gedanken an U.S. amerikanische Grenzkontrollen. Nach nervösen Hin- und Herzucken bremst der große Vogel abrupt und rechtfertigte mit diesem Manöver sämtliche blinkende Anschnallzeichen im Großraumflugzeug. Das Herzklopfen weicht erstauntem Unglauben, dass man als Passagier nun doch unversehrt und der Vogel GERADE auf der Fahrbahn steht.
Diese Erleichterung hielt in meinem Fall leider nur kurz an, sämtliche Freude über das Erreichen Amerikas und seiner unbegrenzten Möglichkeiten verscheuchten Grenzbeamten eifrig. Meine nun schon schwer geprüfte psychische Verfassung verschlechterte sich zusehends als der Versuch schnellst möglichst das letzte trennende Hindernis zu überwinden scheiterte – aufgrund meiner FINGERKUPPEN. Ihre Abdrücke stimmten nicht mit jenen Überein, die ich wenige Wochen zuvor im Bürokratiedschungel zur Visabeantragung abgegeben hatte. Man mag sich bildhaft vorstellen, wie mir – hoffnungsvoll am Schalter der Homeland Security stehend – die freudige Nachricht von einem fülligen, schwarzen Grenzbeamten überbracht wurde mit der Aufforderung ihn zu begleiten. Nachdem ich gerade die Aufregung der im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Landung hinter mir gelassen hatte, wurde mir nun die Freude zu teil, Einreisekontrolle für potentielle Gefahren kennen zu lernen. Während vermeintlich endlosem Warten und zahlreichen (in der Tat war es nur eines, jedoch rechtfertigt meine angespannte Gemütsstimmung zu diesem Zeitpunkt diese Übertreibung um dem Leser meine innere Verfassung näher zu bringen) Interviews über Sinn und Zweck der Reise sah ich den Traum von Amerika hinter blitzenden Gewitterwolken verschwinden. Schlagartig trat die Sonne nach 2 Stunden in Form einer blonden (das Attribut engelhaft schreibe ich ihr eventuell nur aufgrund ihrer erlösenden Nachricht zu) Zollbeamtin hervor, die sich für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigte: Die Technik hätte ihr einen Streich gespielt. Erleichtert über die Erlaubnis zur Einreise vergaß ich es vollends sie darauf hinzuweisen, dass die Technik wenn überhaupt ja wohl MIR diesen Streich gespielt habe. Als einziges positives Resume dieser beinahe filmhaften Szene darf ich – wie für Touristen sonst wohl eher unüblich – nun behaupten an Erfahrungen reicher geworden zu sein: Wer hat schon die harten Räder der amerikanischen Einreisepolitik gegenüber potentiellen Verbrechern am eigenen Leib verspürt?
Bevor ich Zeit hatte auch nur eines der beiden Extreme annähernd zu verarbeiten, wurde mir gleich das nächste Erlebnis zuteil: Mein Fahrer erwartete mich in der Empfangshalle, nachdem er dort schon 2 Stunden ohne Nachricht auf mich gewartet hatte. Er erleichterte mich sofort um die 40 Kilo meiner beiden Koffer und bat mich freundlich ihm doch bitte zu folgen. Am Auto wäre ich, verhaftet in meinem Status als Student bzw. Praktikant, dann beinahe vorbeigelaufen, hätte mein abrupt stoppender Fahrer mir nicht den Weg des gedankenlosen Weiterträumens versperrt. Dieser Geste entnahm ich, dass die vor mir stehende Limousine nicht etwa für einen amerikanischen B-Promi, sondern für mich bestimmt war. Die plötzlich ändernden Verhältnisse von „potentiellen Gefahr“ zum „hofierten Gast“ überforderten meine Denkreaktion derart, dass ich den Fauxpas beging, mich auf dem Beifahrersitz niederlassen zu wollen. Ein bestürzter Fahrer verwies mich auf die Hinterbank wo sich hinter verriegelten Türen (man halte sich den Aufenthaltsort Detroit vor Augen) und getönten Scheiben schon fast verdrängte Erinnerung an „The 8 Mile“ meiner bemächtigten.
Auf der Autobahn, mindestens doppelt so breit wie gewöhnliche Ausführungen dieses Typs in Deutschland, bahnte sich unser Gefährt geschickt seinen Weg und so konnten wir schon kurze Zeit später vor meinem neuen Domizil parken. Beim Aussteigen fiel mein Blick auf allerlei gleichgeschaltete Häuser, die tatsächlich der Filmkulisse von Desperate Housewifes ähneln. Ich nahm das Angebot meines nach wie vor freundlich lächelnden Fahrers dankend an, meine 40 Kilo nun auch in den 1. Stock zu bugsieren. Dort nahm ich weder meine großzügige Wohnung noch die Willkommensnachricht meiner Mitbewohnerin war, mein Blick fokussierte zielstrebig und erfreut das 1,80 Meter breite Bett in dem ich ohne Zögern überfordert von den Eindrücken eines zu langen Tages sofort in tiefen Schlaf verfiel - in das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
1 Kommentar
Mai 2, 2008 um 6:15
Situation ist mir vertraut, um so mehr hat mich die Beschreibung begeistert und ich warte gespannt auf die nächste „unterhaltende“ Geschichte.
Ein Verwandter, der den „zweiten“ Windeln näher ist als den „ersten“.