Meine Hoffnung die verlorene Morgenstimmung durch den Geruch frisch gebrühten Kaffees wiederherzustellen wird schon beim Anblick der Kaffeemaschine zu Nichte gemacht. Endgültig zerrinnt sie im bräunlichen Wasser, dessen Quantität zwar mit jedem Tropfen zunimmt, dessen Qualität jedoch vermutlich sogar hinter einem Braun Aromaster F47 zurückbleibt. Noch immer hungernd, aber auf desillusionierende Weise zumindest erwacht, trieb mich mein hungernder Magen zum Entschlusse mich in die für Fußgänger rechtfreie Zone (hiermit referiere ich mich auf sämtliche ausbetonierten Bereiche außerhalb des eigenen Heims) zu wagen, um mir dort mein Frühstück heldengleich im Kampf mit motorisierten Großraumfahrzeugen zu erobern. Inspiriert von meiner Furchtlosigkeit folgte meine mexikanische Mitbewohnerin in Sancho Panza Manier mutig.
Der Pegel meiner Gourmeterwartungen war nach den morgendlichen Erfahrungen stark im Senken begriffen, als ich in den von Musik beschallten Supermarkt trat, der es mit der Größe eines Fußballfeldes ohne weiteres aufnehmen könnte (auch an dieser Stelle möchte ich wieder an mögliche Übertreibungen hinweisen, die jedoch nur der gesteigerten Unterhaltung des Lesers und keineswegs der falschen Darstellung von Tatsachen dienen). Auf der endlos erscheinenden Suche nach Bioprodukten durchforstete ich den Konsumtempel unbekannten Ausmaßes dutzende Male. Grund genug das Kapitel Morgensport für die nächsten Stunden beruhigt als erledigt anzuerkennen. Vergeblich die morgendliche Qual: Die Auswahl beschränkte sich auf horrende Preise für bereits verschrumpelte Äpfel (wem Deutschlands Biopreise zu hoch scheinen, dem empfehle ich eine kurze Exkursion in die Preisstaffelung amerikanischer Supermärkte in diesem Gebiet; diese beginnen in der Regel dort wo man in Deutschland die französische Luxusausgabe biologisch gezogener Gänsestopfleber kaufen könnte) oder moderates Entgelt für Äpfel deren vergiftender Glanz selbst Vitaminhungrige an Schneewittchens Schicksal erinnernd letztendlich freundlich abwinken lässt. Um dem Vorwurf einseitiger Berichterstattung zu entgehen, muss an dieser Stelle die immense Auswahl amerikanischer Supermarkte lobend erwähnt werden. Wer möchte die Auswahl zwischen „Butter White Toast“, „Hemmer’s Sandwich Toast“ oder „THE original Toast“ (um nur drei Sorten eines 12 Meter langen Toastregals zu nennen) missen, wenn es darum geht den best schmeckenden, krustenlosen, viereckigen Brotersatz zu erwählen der von nun an die Frühstückszeremonie eines jeden Morgens eröffnet und somit das Schicksal des weiteren Tagesablaufs unweigerlich bestimmt? Ganz zu schweigen von einer Kältewellen spuckenden, 50 Meter langen Steaktheke die aufgrund ihrer Länge mehr an überwunden geglaubte Niederlagen vergangener Bundesjugendspiele erinnert als an eine Hunger stillende Quelle der Nahrungsmittelzufuhr. Zumindest jedoch für die Liebhaber süßer Speisen sollte ein amerikanischer Supermarkt tatsächlich ein Vorgeschmack auf das erträumte Nirwana sein. Für die vielfältige Ausgestaltung Kohlenhydraten und Überzuckerung in Form von Ahornsirup und Schokoladenriegeln gibt es im alten Europa wohl nur einige wenige Äquivalente.
Nach einem wahren Marathon entschied ich mich letztendlich den Kampf gegen die Windmühlen des amerikanischen Geschmacks aufzugeben und mich getreu in mein Schicksal zu fügen. Bestückt mit einer Vielzahl an Plastiktüten beendete ich resigniert meinen ersten Besuch in einem amerikanischen Konsumtempel und dem Entschluss mich im neuen Kulturkreis neuen Frühstücksritualen zu unterwerfen. Zu Hause angekommen war ich noch so vom Anblick der unglaublichen Auswahl gesättigt, dass ich dem Ratschlag meiner Mitbewohnerin folgend mich mit meinen Leidensgenossen (man nenne sie auch Praktikanten) auseinandersetzte in der frohen Hoffnung mir nun von einem amerikanischen Original die Vorzüge einer „fat free, pasteurized & homogenized skim milk“ vor Augen führen zu lassen. Anstatt eines breiten amerikanischen Slangs begrüßten mich jedoch deutsche Stimmen. Nachdem ich mir darüber im Klaren war, dass es sich hierbei nicht um eine gedankliche Hommage an hinter mir gelassenes handelt (Deutschland), vermochte ich es langsam tastend das wahre Ausmaß dieser Realität zu erfassen. Um mich herum befanden sich keineswegs die erwartete Vielzahl amerikanischen Praktikanten, ausschließlich deutsche (hier muss hinzugefügt werden: vorwiegend süddeutsche) Mitbürger schienen sich auf diesem Fleckchen Erde versammelt zu haben. Rückblicken muss ich erkennen, dass hiermit vermutlich nur ein weiteres Vorurteil auf meiner Odyssee bestärkt wurde: Ich war tatsächlich angekommen, in jenem Land, in dem ethisch geteilte Ghettos mit hippen Begriffen wie Chinatown oder Little Italy zu Vorreitern einer Multikultigesellschaft umgepolt werden. Welcome an Detroit’s Swaibian Creek!