Mai 12, 2008...2:32

3. Gesang: Amerikanische Waffenliebe

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Bekannt war gewiss vielen schon vor publizieren dieses Blogs, dass nach europäischen Maßstäben das Waffenrecht unserer amerikanischen Brüder beinahe als freizügig charakterisiert werden könnte. Nachdem ich mich von meinen Irrwegen durch das Meer des amerikanischen Geschmacks erholt hatte, begab ich mich als eifriger Student der Kulturwissenschaften hin zum nächsten Schlachtfeld interkultureller Brandherde. Noch leicht geschwächt vom erfolglosen Kampf gegen amerikanischen Gourmetgeschmack beschloss ich nichts geringerem als dem innigen Verhältnis eines Amerikaners und seinem heißgeliebten Feuereisen näher zu kommen. Gleich zu Beginn will ich festhalten, dass ich trotz anscheinend hoher Waffendichte in meinem jetzigen Umfeld aus einer gewissen Distanz über das Thema berichte, da ich als unschuldige Europäerin noch nie in meinem jungen Leben einer Waffe ins Auge blickte – es sei denn man zählte Spritzpistolen zu dieser Gattung hinzu. Auch im Land tapferer Unabhängigkeitskämpfer konnte ich mich bisher von deren Lieblingsspielzeug physisch ferngehalten, psychisch jedoch wollte ich mir es nicht nehmen lassen dem Phänomen des unabdingbaren Waffenbesitzes näher zu kommen.

 

Der gängige Amerikaner besitzt nach europäischen Stereotypen zumindest eine Waffe [Anm. d. A.: Dies trifft in der Tat zu und man fühlt sich geneigt der Aussage Karl Heinrich Waggerls „Ein Vorurteil gleicht einer hochnäsigen Empfangsdame im Vorzimmer der Vernunft“ laut zu widersprechen oder zumindest den Einwand zu wagen „Aber Recht hat sie doch“]. Fragt man den stolzen Waffenbesitzer nach dem momentanen Standort der Waffe wird ein europäischer, im Klischee verhafteter Indiana Jones Anhänger jedoch verwundert aufhorchen, denn die Antwort lautet zumeist „zu Haus“ und nicht wie vielleicht erwartet „im Colt“. „Zu Haus“ wird die Waffe sicher in einem exklusiv für diesen Zweck hergestellten, durch mehrere Nummern geschützten Safe aufbewahrt. Eine Maßnahme der unumstritten zuzustimmen ist um Missbrauch durch Fremde oder Unfälle zu verhindern. Jedoch streifte mich kein erleuchtender Glanz in Hinblick auf den eigentlichen Grund des Waffenbesitzes:

 

Der erste Platz des auf Nachfrage meist angegebenes Motiv – es ist möglich, dass meine Umfrage nicht den wissenschaftlichen Anforderungen an Repräsentativität genügt; ich beziehe Rapper und andere Detroiter Gangster ausdrücklich NICHT in die erläuterten Ergebnisse mit ein – gebührt der Selbstverteidigung. Im Falle eines Einbruchs will ein Besitzer eines amerikanischen Mittel- bzw. Oberschichtenhauses heroisch in geübter Cowboymanier  das eigene Hab und Gut verteidigen. Oder besser: Die Tastenkombination mit vor Aufregung flatternden Händen in sein bestgeschütztes weaponcase eintippen, während der bereits eingedrungene Gangster mit klimpernden Goldkettchen vorhandene Wertgegenstände schnell außer Haus schafft. Stattdessen mit flinkem Handgriff 911 gekonnt ins Telefon zu tippen und dem Erscheinen seines Freund und Helfers entgegen zu fiebern scheint für einen waschechten Abkömmling unloyaler Kolonialisten keine zu beachtende Alternative zu sein.

 

Wenige andere versuchten mir durch eine lebendige Darstellung der wechselhaften Jahre der jungen Nation Amerika den Waffenbesitz an sich als eine Variation traditioneller Überlieferungen näher ans Gemüt zu führen.  Und tatsächlich, als sich vor meinem geistigen Auge ein verlassener Kevin Costner in klirrend kalter Vollmondnacht zum knisternden Feuer im Nirgendwo der kargen Steppe begibt beginne ich mich für das vorgebrachte Argument zu erwärmen. Welch Stadtmädchen wollte sich in einer solchen Situation nicht zumindest vor nahenden Wölfen schützen, ganz zu schweigen von kriegerischen Lakota in nächster Nachbarschaft! Ganz verträumt nickend versuche ich meine Gedanken erneut in geordnete Bahnen zu führen und finde mich im Szenario des Unabhängigkeitskrieg wieder als mein Gegenüber mich in seine weniger romantische Wahrnehmung der Teenagerjahre Amerikas zurückholt. Es sind keineswegs die Kämpfe gegen Indianer (die sich fast vom einstigen Gegner ausgerottet heute stolz amerikanische Bürger nennen dürfen), Franzosen oder Spanier gemeint, die die Notwendigkeit des Waffenbesitzes belegen sollen. Nein, die vorgebrachte Argumentationskette nimmt mit dem Kampf zwischen königstreuen und abtrünnigen britischen Brüdern seinen Lauf. Je sehr ich mich bemühe im blutigen Gemetzel des ausklingenden 18. Jahrhunderts einen historischen Grund für das bestehende Waffenrecht zu sehen, es mag mir nicht gelingen. Auch hier hat wohl Hollywood meine Vorstellung dieses historischen Geschehens mehr geprägt als es ein Geschichtsbuch je vermocht hat und so hängen meine Gedanken Heath Ledger nach während ich unbewusst aus europäischer Höflichkeit den Vorschlag meines amerikanischen Freundes bejahe. Die abgegebene Zustimmung wird gleich mit handfester Uhrzeit für kommenden Samstag versehen ehe mein Gegenüber sich in seinen (mit Gewehr bestückten) Jeep schwingt. Als ich verdutzt den in der Luft hängenden Rauchschwaden des abrupten Endes der Diskussion folge, realisiere ich  tatsächlich wo ich meinen nächsten Samstag verbringen werde: Don`t miss the 500 tables of weapon at the GUN FAIR lese ich kopfschüttelnd auf von meiner Hand zerknittertem Papier.

 

 

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