August 6, 2008...7:31

5. Gesang: Im Gewirr des wilden Lauches

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Die heutige Odyssee führt mich erneut in unbekanntes Territorium, ein Begriff der im Verlaufe dieses Essays in seinem ursprünglichen, geographischen Wortsinn aufgefasst werden darf: Gedanklich werde ich in den folgenden Paragraphen meine Reise nach Chicago erneut vollziehen und versuchen meine Eindrücke einer amerikanischen Weltstadt mit höchstmöglichstem Realitätsgrad und exakter Wiedergabe meines Gefühlschaos wiederzuspiegeln.

 

Wie bei wohl jedem ernsthaften Versuch eine Situation in ihrem Kontext wiederzugeben, muss ich an dieser Stelle zunächst die Verhältnisse in meiner direkten, alltäglichen Umgebung schildern um dem Leser meine Emotionen beim Besuch Chicagos verständlich zu machen: Vor Antreten meiner Odyssee träumte ich von in der Sonne glitzernden Wolkenkratzern, neonfarbenen Leuchtreklamen, überfüllten Bürgersteigen, hippen Restaurants und Mode direkt vom Laufsteg wenn ich in meinen Gedanken einige Minuten dem Traum des amerikanischen Städtelebens anstelle von elementaren Zusammenhänge der keynesianischen Wirtschaftslehre widmete. Besonders der weiblichen Leserschaft mag diese Beschreibung familiär vorkommen und wie Schuppen mag es nun einigen von den Augen fallen, dass diese Vorstellungen wohl eher auf einen Überkonsum von „Sex and the City“ und anderen amerikanischen Hochglanzserien als realen Gegebenheiten zu verdanken ist. Dieser Verschwendung meiner knappen Erdenzeit ist es auch zu schulden, dass sich amerikanisches Leben im Geflecht meiner Gedankenströme zwischen polierten Hochhausbauten und ausgedehnten Vorstadtvillen abspielte. Dass dies die Realität nur bedingt wieder spiegelt konnte ich schnell feststellen als meine Fahrt vom Flughafen durch Bauruinen und brachliegende Flächen führte und ich anstatt großzügiger, gepflegter Vorgärten einen Parkplatz als Ausblick meines bescheidenen Domizils vorfand[1]. Obwohl diese Wohnlage angeblich dem Vermögensniveau eines Durchschnittamerikaners entsprechen soll, streben sich meine europäischen Vorstellungen einer angenehmen Wohnbehausung gegen diese Tatsache: Nach der Dichte der Außenisolierung meines Apartments zu urteilen wäre ich überrascht diese Qualität im alten Europa als Verwendung zur Bauwerksabdichtung zu finden. Dass der fertige Bau das Attribut „isoliert“ nicht verdient zeigt sich schnell, als bereits nach einer Stunde ohne das beruhigende Surren der Klimaanlage die Atmosphäre innerhalb der Wohnung weder in Hinblick auf Feuchtigkeitsgehalt noch auf Temperatur derjenigen außerhalb der Wohnung in geringster Weise nachsteht.

Zurück aber nun zum eigentlichen Thema: Nachdem ich mich nun schon an den Standard amerikanischer Behausungen angepasst hatte nahm ich das Wagnis auf mich Neues zu entdecken und brach ein Wochenende aus der Tristesse des durchschnittlichen Wohnens aus. Angekommen in der drittgrößten Stadt des geographisch drittgrößten Landes überkam mich beim Anblick der Szenerie ein unbekanntes Schwindelgefühl welches es mir zunächst auf die Hitze und lange Fahrt schiebend jedoch auch nach längerem Aufenthalt im (klimatisierten) Hotel nicht zu verdrängen gelang. Es dämmerte mir, dass dies wohl mehr mit dem langsamen Wiedergewinnen verloren geglaubter Erinnerungen zu tun hatte als mit der hervorragenden Wetterlage außerhalb meines Aufenthaltsortes. Schlagartig flogen Sequenzen gefüllt mit clichehaften Vorstellungen über das so unalltägliche Leben in dieser Grosstadt an meinem geistigen Auge vorbei. Erholt vom ersten Schock dieses Gedankenschlages begann ich kurze Zeit später dennoch meinen unaufhaltsamen Zug durch die Highlights eines Ortes, der seinen ursprünglichen, im indianischen Jargon verwurzelten Namen „Stinktier“ zunächst in „wilder Lauch“ umänderte, bevor sich französische Missionare der Misere erbarmten und den heutigen Namen der Wolkenkratzerschluchten prägten. Und tatsächlich – was ich bereits als surreale Darstellung amerikanischer Filmemacher abgeschrieben hatte, wandelte sich schlagartig in eine auch für durchschnittliche Erdenbürger erfahrbare Realität. Hippe Restaurants, neonfarbene Leuchtreklamen, glitzernde Wolkenkratzer und überfüllte Buergersteige wurden wenigstens für ein Wochenende auch zu meiner Wahrheit DES amerikanischen Lebensgefühls. Von gleißender Sonne, blau schimmerndem Wasser, glitzerndem Sandstrand und einem kühlenden Bier wurde mein Ausbruchversuch beinahe zur wahr gewordenen Kombination sämtlicher Hochglanzserien – hätten die Regisseure der Stadt des wilden Lauches nicht die zuletzt wichtigste Komponente vergessen: Mode direkt vom Laufsteg.


[1] Auch wenn dies zunächst auf höchste unromantisch scheint, hat ein solcher Parkplatz doch gewisse Vorteile gegenüber der erwähnten Rasenfläche. Per Gesetz ist es nämlich dem Gartenbesitzer vorgeschrieben sein Grün erreicht es eine gewisse Höhe zu stutzen. Da sich meine Abneigung für sonntägliches Mähen der nach oben schießenden Pflänzchen nur mühsam unterdrücken lässt bin ich recht dankbar über die – wenn auch hässliche, doch sehr pflegeleichte – graue Abdeckung meines Vorplatzes.

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