Gleich zu Beginn möchte ich für meine lange schriftstellerische Untätigkeit aufrichtigst um Entschuldigung bitten. Der Grund hierfür ist ein einfacher: Die viel gelobten unbegrenzten Möglichkeiten dieses Landes bestehen tatsachlich – und wollen nicht ungenutzt bleiben. Während ein idealistisch gesinnter Europäer bei der Verwendung des Terms „unbegrenzte Möglichkeiten“ die Verwirklichung eines individuellen Traumes durch die Gründe seiner Gedanken ziehen lässt (man stelle sich meine Wenigkeit über die Ideale des amerikanischen Traums sinnierend in die Sonne blinzelnd vor), scheint sich der Durchschnittsamerikaner eine andere Interpretation jener Möglichkeiten zu eigen gemacht zu haben: Die Unzahl an verschiedenen zum Freizeitvertreib aufgebotenen Attraktionen liegen so manchem amerikanischen Bürger näher am Herzen als das Erstreben alter, demokratischer Ideale.
Baseball ist eine dieser Attraktionen die der jahrzehnte alten Dynastie beliebtester Vergnügungen angehören. Bei der Realisierung dieser Aktivität widmet sich ein generalisierter Amerikaner[1] über eine minimale Dauer von 200 Minuten hochkonzentriert dem für über 21jährige obligatorischen Alkoholkonsum - während das Spiel an sich zur Nebensache wird. Es scheint als diene der Spielbesuch mehr dem geselligen Zusammensein mit Prädikat „kinderfreundlich“ als dem Herbeifiebern eines wohlverdienten Sieges. Erklingt nach dem siebten Inning (meist nach über 120 Minuten Spielzeit bzw. Biergenuss) die Aufforderung sich von seinem Sitz zu erheben und auf der Suche nach nicht verkümmerten Muskeln Arme und Beine zu strecken wird dies nur von Ärzten unter den Besuchern als notwendige Vorbeugungsmaßnahme empfunden, die Mimik anderer Besucher lässt darauf schliessen, dass der Akt eher als unnötige Störung der nachmittäglichen Ruhe empfunden wird. Der in fußballerischer Leidenschaft bewandte Europäer sieht sich spätestens nun enttäuscht von einem Erlebnis das sich entgegen aller Erwartungen nicht zum vierstündigen Nervenkitzel und emotionalen Freudenrausch entpuppt. Verwirrt sucht er nach einer Erklärung für die Liebe die unser Amerikaner für diese 240-minütigen Einöde empfindet. Von Kindesbeinen an trainierte, deutsche Geschmacksknospen lassen Bierkonsum – aufgrund niedriger Qualität des amerikanischen Gebräus (als Brauerenkelin ist es mir ein Graus die Bezeichnung Bier hierfür anzuwenden) – als mögliche Antwort ausschließen. Nach kurzer Betrachtung anderer Variablen (Essen: negativ; Bequemlichkeit: negativ; Unterhaltungswert: gegen 0; Emotionen: gänzlich 0) scheint nun tatsächlich nur das soziale Beieinander einer näheren Prüfung standzuhalten; auch wenn sich das rationale Wesen fragt, was das Szenario einer Familienzusammenführung in sengender Sonne im vollbesetzten Baseballstadium (oder je nach Wetterlage strömendem Regen) gegenüber jenem im schattigen Garten reizvoller erscheinen lässt. Spätestens als der Jubel über den Homerun der heiß geliebten Tigers erst ausbricht wenn der Meisterstreich des Batters in Wiederholung auf der Videoleinwand gezeigt wird, sind letzte Zweifel ausgeräumt, dass es sich bei dem Rasen bewachsenen Viertelkreis nicht nur um den geographischen Mittelpunkt des Stadiums, sondern auch um jenen der ungeteilten Aufmerksamkeit handeln könnte. Verdutzt geht der Sport liebende Europäer nach Hause und lernt, beim nächsten Besuch entweder gute Unterhaltung oder zumindest gutes Bier durch die stark bewachten Eingänge des Detroiter Tiger’s Käfig zu schmuggeln.
[1] Definition eines gerneralisierten Amerikaners: Da sich mein Aufenthaltsort und Objekt meiner Beobachtungen im Norden des Staatenbundes befindet, vermisst das Bild des amerikanischen Typs unglücklicherweise den vermeintlich obligatorischen Cowboyhut. Ersatzweise darf man – vor allem in diesem Kontext – beruhigt ein Baseballcap der Detroit Tigers hinzufügen, welches zwar nicht sehr elegant doch seinen Zweck erfüllt: Geschickt genutzt verdeckt es sowohl Geheimratsecken wie auch erste Anzeichen eines sich vermindernden Haupthaares. Beides Phänomene die hier bereits in der Altersgruppe der Collegeabgänger ihren unaufhaltsamen Siegeszug beginnen.